Wie wird ME/CFS diagnostiziert?
Die Diagnose ME/CFS zu stellen ist anspruchsvoll. Es gibt keinen einfachen Test, der die Erkrankung nachweist. Stattdessen stützt sich die Diagnose auf eine sorgfältige klinische Beurteilung und den Ausschluss anderer Ursachen. Dieser Artikel erklärt, wie dabei vorgegangen wird.
Eine Ausschlussdiagnose ohne Biomarker
ME/CFS ist eine Ausschlussdiagnose auf Basis klinischer Kriterien. Das heißt: Es gibt keinen Test, der ME/CFS direkt nachweist, und keinen validierten Biomarker im Blut oder in anderen Untersuchungen. Die Diagnose ergibt sich aus dem typischen Beschwerdebild in Kombination mit dem Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen können.
Kein Labortest weist ME/CFS nach
Auch wenn Blutuntersuchungen und andere Diagnostik notwendig sind, dienen sie dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Ein positiver Nachweis von ME/CFS über ein einzelnes Laborergebnis ist nach heutigem Stand nicht möglich.Klinische Diagnosekriterien
Zur Diagnose werden anerkannte klinische Kriterienkataloge herangezogen. Zwei sind besonders verbreitet:
- Kanadische Konsenskriterien (CCC) aus dem Jahr 2003
- IOM/NAM-Kriterien des US-amerikanischen Institute of Medicine aus dem Jahr 2015 (die Erkrankung wird dort auch als “SEID” bezeichnet)
Die IOM-Kriterien von 2015 verlangen drei Pflichtsymptome:
- eine substanzielle Reduktion der Aktivitätsfähigkeit über mindestens sechs Monate
- Post-Exertionelle Malaise (PEM)
- nicht erholsamer Schlaf
Zusätzlich muss mindestens eines der folgenden beiden Symptome vorliegen:
- eine kognitive Störung (“brain fog”)
- oder eine orthostatische Intoleranz (Beschwerden im aufrechten Stehen)
Einen Überblick über diese Symptome gibt der Artikel Die Symptome von ME/CFS. Die Post-Exertionelle Malaise als Kernkriterium wird ausführlich unter Post-Exertionelle Malaise (PEM) erklärt.
Das diagnostische Vorgehen
In der Praxis läuft die Diagnostik typischerweise über mehrere Schritte:
- Anamnese: ausführliches Gespräch über Beschwerden, Verlauf und mögliche auslösende Ereignisse wie eine vorangegangene Infektion
- Körperliche Untersuchung sowie Labor- und Kreislaufdiagnostik
- Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche Symptome hervorrufen können
- Anwendung der klinischen Kriterien (CCC oder IOM)
Welche anderen Erkrankungen abgegrenzt werden
Zu den Differenzialdiagnosen, die geprüft und abgegrenzt werden, gehören unter anderem:
- Depression
- Schlafapnoe und andere Schlafstörungen
- Anämie (Blutarmut)
- Schilddrüsenunterfunktion
- Autoimmunerkrankungen
- Nebenwirkungen von Medikamenten
Warum die Abgrenzung gerade gegenüber Burnout und Depression wichtig ist, erklärt der Artikel ME/CFS, Burnout und Depression.
Lange Diagnosewege und Versorgungslücke
ME/CFS wird häufig nicht erkannt. Viele Betroffene bleiben lange ohne korrekte Diagnose, und spezialisierte Anlaufstellen sind selten. Diese Versorgungslücke bedeutet oft lange Wege und wiederholte Arztbesuche, bis die Erkrankung richtig eingeordnet wird.
Quellen
- IQWiG / gesundheitsinformation.de: ME/CFS
- CDC: IOM 2015 Diagnostic Criteria
- Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: Was ist ME/CFS
- Fatigatio e.V.: Bundesverband ME/CFS