Pacing: Energiemanagement bei ME/CFS
Solange es keine ursächliche Behandlung für ME/CFS gibt, kommt dem Umgang mit der eigenen Energie eine besondere Bedeutung zu. Die dafür zentrale Strategie heißt Pacing. Dieser Artikel erklärt, worum es dabei geht und wie ehrlich die wissenschaftliche Grundlage einzuordnen ist.
Was Pacing bedeutet
Pacing ist eine Strategie des Energiemanagements. Das Grundprinzip: Aktivitäten so anpassen, dass man innerhalb der eigenen Belastungsgrenze bleibt, um eine Post-Exertionelle Malaise (PEM) und damit einen Crash zu vermeiden. Kurz gesagt geht es darum, zu stoppen, bevor sich die Symptome verschlechtern.
Der Hintergrund ist die Post-Exertionelle Malaise, das Leitsymptom von ME/CFS. Belastung über die individuelle Grenze hinaus kann eine zeitverzögerte, unverhältnismäßige Verschlechterung aller Symptome auslösen. Mehr dazu unter Post-Exertionelle Malaise (PEM).
Das Grundprinzip
Nicht bis zur Erschöpfungsgrenze gehen und dann zusammenbrechen, sondern rechtzeitig innerhalb der eigenen Grenzen bleiben. Ziel ist, PEM gar nicht erst zu provozieren.Wie ehrlich ist die Studienlage?
Pacing gilt als zentrale Strategie, beruht aber überwiegend auf einem Experten- und Betroffenenkonsens, nicht auf hochwertiger Evidenz. Das IQWiG betont, dass die Studienlage zu Pacing schwach ist und es kaum aussagekräftige Studien gibt.
Das ist wichtig einzuordnen: Pacing wird nicht deshalb empfohlen, weil große Studien seinen Nutzen belegt hätten, sondern weil das zugrunde liegende Prinzip, PEM zu vermeiden, aus dem Krankheitsbild heraus plausibel ist und von Fachleuten wie Betroffenen als sinnvoll erachtet wird.
Warum GET nicht empfohlen wird
Vom Pacing abzugrenzen ist die sogenannte Graded Exercise Therapy (GET), also ein Programm mit fixen, schrittweisen Steigerungen von Aktivität oder Sport nach einem festen Plan.
- Die britische NICE-Leitlinie NG206 (2021) rät davon ab: Solche Programme mit fest vorgegebenen Steigerungen sollen nicht angeboten werden.
- Das IQWiG weist darauf hin, dass eine solche Aktivierung für manche Betroffene schädlich sein kann.
Der entscheidende Unterschied: Bei GET wird die Aktivität unabhängig vom Befinden nach Plan gesteigert. Beim Pacing richtet sich die Aktivität nach der aktuellen, individuellen Belastungsgrenze. Wenn überhaupt Bewegung stattfindet, dann patientengesteuert und innerhalb der Energiegrenzen, damit keine PEM provoziert wird.
Aktivität nicht nach festem Plan steigern
Fixe Aktivitätssteigerungen können bei ME/CFS schaden. Belastung über die eigene Grenze hinaus kann einen Crash auslösen. Deshalb ist "einfach mehr bewegen" kein geeigneter Rat bei ME/CFS.Pacing im Alltag
Aus dem Grundprinzip lassen sich einige vorsichtige Alltagsüberlegungen ableiten:
- Energie einteilen: die verfügbaren Kräfte bewusst auf den Tag oder die Woche verteilen, statt sie an einem guten Tag vollständig zu verausgaben.
- Pausen einplanen: Ruhephasen nicht erst dann einlegen, wenn die Erschöpfung übermächtig wird, sondern vorbeugend.
- Grenzen beachten: körperliche, geistige und emotionale Belastung zählen gleichermaßen, denn alle drei können PEM auslösen.
Pacing ist damit kein starres Programm, sondern ein individuell angepasstes Vorgehen, das sich an der jeweiligen Tagesform und dem eigenen Schweregrad orientiert. Wie unterschiedlich die Belastbarkeit ausfallen kann, zeigt der Artikel Schweregrade und Alltag.
Quellen
- NICE Guideline NG206 (2021): Myalgic encephalomyelitis / chronic fatigue syndrome: diagnosis and management
- IQWiG / gesundheitsinformation.de: Behandlung von ME/CFS
- Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: Was ist ME/CFS